Hinter verschlossenen Türen (10): Restaurierung alter Gemälde

Claudia Krottasch (ehem. Marschner) mit ihrem Malstock bei der Arbeit am Gemälde, das Auguste Dorothea zeigt. Foto: Hans-Peter Stadermann

Claudia Krottasch (ehem. Marschner) mit ihrem Malstock bei der Arbeit am Gemälde, das Auguste Dorothea zeigt. Foto: Hans-Peter Stadermann

Fürstin Auguste Dorothea von Schwarzburg-Arnstadt (1666 bis 1751) wäre wohl nicht sonderlich amüsiert, wenn sie vom Vorhaben der Arnstädter Restauratorin Claudia Krottasch (ehem. Marschner) hören würde. Die ist nämlich gerade dabei, ihr bei der Wiederherstellung eines Gemäldes ein zweites Doppelkinn zu verpassen.

Arnstadt. Claudia Krottasch (ehem. Marschner) hat sich intensiv mit dem Ölbild eines unbekannten Meisters aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts beschäftigt und nicht nur an der Leinwand und dem Rahmen Schäden ausgemacht, sondern auch Übermalungen festgestellt. Eine davon verdeckte ein ursprünglich zweites Doppelkinn der Adligen, die die einmalige Puppensammlung „Mon plaisir“ schaffen ließ. „Das zweite Doppelkinn ist jetzt wieder sichtbar, es war offenbar bewusst übermalt worden“, sagt Claudia Krottasch (ehem. Marschner), die ihre Restaurations-Werkstatt in einem Nebengebäude am Neuen Palais, dem Schlossmuseum, in Arnstadt hat. In der Werkstatt steht auch das Bild von Auguste Dorothea auf einer Staffelei und wird mit Akribie wieder auf die ursprüngliche Sicht zurückgeführt. Vielleicht hätte ja die Fürstin auch nichts gegen das zweite Doppelkinn gehabt, denn wann und warum es übermalt wurde, bleibt im Dunkel der Geschichte. Aber im einstigen Original war es jedenfalls so vorhanden. „Tatsache ist, dass das Gemälde einmal jeweils um einen Zentimeter an allen 4 Seiten vergrößert wurde, es wurde Leinwand angesetzt, die ist mürbe geworden und muss unbedingt ersetzt werden“, so Krottasch (ehem. Marschner), die seit 8 Jahren in dem Metier arbeitet. Sie ist Diplom-Restauratorin mit Fachschulabschluss und der Spezialisierung auf bemalte Oberflächen und Ausstattung.

Ebenso fand sie auf der Bildrückseite aufgesetzte Leinwandflicken, welche auf Dauer immer ein Problem sind, weil sie sich nach vorn in das Gemälde durchdrücken. Auch farbliche Retuschen sind bei exakter Betrachtung immer auf Dauer sichtbar, weil die Verfärbungen stets anders reagieren als die originale Bemalung. Claudia Krottasch (ehem. Marschner) greift sich ihren Malstock, der im ersten Moment mehr an einen Stock mit einer dicken runden Kugel am Ende erinnert, mit dem ein Musiker die Pauke schlägt. „Den Malstock macht sich jeder Restaurator selbst, so wie er ihn braucht.“ Sie setzt das weiche runde Kugelende behutsam an einer Außenkante des Gemäldes auf, hält den Stab am Ende mit der linken Hand und kann nun in Ruhe, ohne zu zittern, ihre rechte Hand auf den Stab legen und Fehlstellen des Ölgemäldes gekonnt ausbessern. Das Bild der Arnstädter Fürstin ist nur eines von fünf Gemälden aus dem Arnstädter Schlossmuseum, die sie derzeit parallel in der Kur hat. Schäden ausgleichen, die Trocknung abwarten, begutachten und wieder Farbe aufbringen. Schicht für Schicht werden die Ausbesserungen vorgenommen, um den richtigen Ton zu treffen und auch Tiefe zu erzeugen. Beim Gemälde, das eine Prinzessin von Schwarzburg-Rudolstadt zeigt, ist die Tiefe in der Darstellung besonders schwierig. Krottasch (ehem. Marschner): „Auf der rechten Seite des Halses sieht man, was der Maler für ein Könner war, die Prinzessin wirkt wie vom Hintergrund abgehoben, Tiefe wurde durch spezielle Firnisse erzeugt.“

Allerdings verliert sich der Effekt an der linken Halsseite, die später übermalt wurde. Der Aufwand, so eine Tiefe jetzt wieder zu erzeugen, wäre zu groß. Deshalb wird das Gemälde gereinigt, ausgebessert, an den Rahmen angepasst. „Die Bilder sollen durch die Restauration wieder erlebbar gemacht werden in Anlehnung an das Original“, sagt Krottasch (ehem. Marschner). Keineswegs soll so ein wertvolles Ölbild „totrestauriert werden“. Dabei muss sie sich an jedes Bild, seine Geschichte und seine Veränderungen behutsam herantasten und dann versuchen, das Beste und auch das finanziell Mögliche daraus zu machen, damit es wieder ausstellungsreif wird. Das gilt ebenso für einen großen Holzengel, der auf einem Gestell liegt und schon länger auf seine Fertigstellung wartet. Der Engel hat lange Zeit unbeachtet auf dem Dachboden einer Kirche gelegen. Seine Arme waren abgebrochen, Bruchstellen gab es zahlreiche im weichen Lindenholz. Trotzdem wirkt die Figur massiv, was aber täuscht, denn der Engel ist innen ausgehöhlt. „Auch die Altvorderen haben es sich leicht gemacht, wäre doch das Gewicht sonst schwer handhabbar gewesen“, weiß die Restauratorin. Holzbildwerke erfordern nun wieder eine ganz andere Herangehensweise, weil sich gerade Holz immer wieder verändert. Grundsätzlich gilt, das jeweilige Kunstobjekt, ob Ölgemälde, Schnitzerei oder Gipsfigur, zu schonen. Die Konservierung sei fast wichtiger als die Restaurierung, den jeder Eingriff bedeutet für so ein Kunstwerk Stress, der Veränderungen hervorruft. Und Stress tut den Menschen meist nicht gut, gleiches gilt für alte Kunst.

Frank Buhlemann / 09.12.11 / TA